Risse
Einmal habe ich Gottesdienst in einem Raum gefeiert, in dem sich ein klaffender Riss quer über die Wand hinter dem Altar zog.
Einmal habe ich erlebt, wie eine Frau ihre Hände auf meine Stirn legte und mich segnete. Die Hände waren sanft und angenehm kühl, aber etwas fühlte sich fremd an. Nach dem Segen sah ich es: Die Frau hatte an jeder Hand nur drei Finger.
Einmal hörte ich einer altgewordenen Kantorin zu, die das Halleluja vor dem Evangelium sang. Ihre Stimme klang rau und brüchig.
In einer kleinen romanischen Kirche, in der ich 7 Jahre lang an vielen Sonntagmorgen saß und wartete, dachte ich jedes Mal, wenn die Glocke zu läuten begann, dass ich gerade einen Herzschlag höre. Er begann langsam und zögerlich, schwoll dann aber an, wurde stärker und ergriff zum Schluss alles: Die Wände, die Bänke und uns wenige wartende Menschen im Inneren der Kirche. Und wenn sie gleich einstürzt? dachte ich oft, so sehr bebten die Mauern, aber dann wurde das Pochen langsamer und träger und war irgendwann verstummt. Die Orgel setzte ein, ich stand auf und breitete den Namen Gottes über den anderen Wartenden aus.